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In diesem Jahr hatten meine Frau Susanne und ich die Möglichkeit, bei der jährlichen Besuchsreise des CPI-Vorstandes teilnehmen zu dürfen. Und es sollte ein ganz besonderes Erlebnis werden.

Nach 26 Stunden Anreise per Flugzeug (incl. 7 Stunden Zeitverschiebung und knapp 4 StundenAnflug Aufenthalt in Kuala Lumpur), tauchten wir in eine total andere und mir sehr fremde Welt ein. Manila, die philippinische Metropole mit ca. 18 Millionen Einwohnern, war für mich die erste Stadt in dieser Größe. Es wird dort nie ruhig. Die Straßen und auch die Autos, Tricycles und Jeepneys sind oft hoffnungslos überfüllt. Die Verkehrsregeln, nach denen hier der Verkehr abläuft, haben sich mir nicht erschlossen. Zum Glück musste ich nicht selber fahren. Vom Flughafen wurden wir von Sandra Camesa, der Direktorin von SPECS (unsere Partnerorganisation in Manila) mit einem Kleinbus zum „Home for Boys“ gebracht. Die Straßen wurden immer kleiner. Unser Bus hielt an und wir gingen zu Fuß die letzten ca. 200 Meter eine schmale Gasse entlang. Auf der Straße waren sehr viele (überwiegend junge) Menschen. Die Häuser in dieser Gasse waren meistens sehr klein und mit rostigem Wellblechdach. Ich fragte: „Sind das jetzt Slums?“ Die Antwort: „Nein, das sind noch lange keine Slums! Das ist hier unterer Mittelstand.“ Gleich darauf kamen wir auf ein Basketballfeld, das auch als eine Art Dorfplatz des Barangay (Stadtteils) fungierte. Mitten auf diesem Platz entdeckte ich plötzlich über den kleinen Häusern an einer blauen Wand die Aufschrift „SPECS“ – das „Home for boys“ überragte diese Basketballplatzkleinen Häuser.  Wir gingen noch einmal um 2 Ecken und kamen durch ein großes, grünes Tor in den Innenhof des „Home for boys“, in dem wir eine Woche lang wohnen sollten. Wir wurden herzlich begrüßt und in deutsch stand mit großen Lettern „WILLKOMMEN CPI“ zu lesen. Und das war nicht nur ein Schriftzug. Wir haben jeden Tag gespürt, dass wir aus Deutschland sehr willkommen sind. Sowohl die Mitarbeiter, ob Homeparents, Sozialarbeiter oder Pastor, als auch die Kinder nahmen uns sehr freundlich und liebevoll auf.
Was wir in dieser Woche erlebt haben, würde den Bericht auf einer Homepage bei weitem sprengen, denn ich habe fast 50 Seiten eines Tagebuches (DIN-A5) gefüllt. Deshalb möchte ich mich auf ein paar wenige beeindruckende und teilweise sehr bewegende Begegnungen beschränken:

   Der Besuch des Gottesdienstes im Drop In Center in Paranaque

Das Drop In Center ist das 2. Haus von SPECS, die Basis der Arbeit in Paranaque, einem Stadtteil von Manila. Hier gibt es Feedingprogramme, Bibeltreffen und begleitende Angebote für Eltern der Schüler/innen, die von den Sozialarbeitern betreut werden. Ich fand es interessant, hier zu erleben, wie Diakonie und gelebter Glaube in der Gemeinde „Hand in Hand“ ging. In diesem Haus, in dem sehr viel soziale Arbeit für die Familien stattfindet, gibt es auch „eine Ablegergemeinde“ der PCAC (Pasay City Alliance Church).
GodiUnd an einem der Gottesdienste durften wir am ersten Sonntagmorgen teilnehmen. In dem ca. 40 m2 großen Raum saßen ca. 70 Besucher, überwiegend auf weißen Plastikstühlen, davon ca. 40 Jugendliche. Draußen im Eingangsbereich fand der Kindergottesdienst mit noch einmal ca. 20 Kindern  statt. Mit einem Beamer wurden die Lieder an eine Wand geworfen. Wir sangen in Englisch und Tagalog (Landessprache) und wurden von einer Band begleitet. Der ganze Ablauf wurde von Jugendlichen mit gestaltet. Das machte den Gottesdienst sehr lebendig. Auch die Predigt von Pastor Michael war in einer Mischung aus Tagalog und Englisch. Ich habe mir immer wieder überlegt, ob mein Englisch so schlecht geworden ist, oder ob er grad wieder bei Tagalog ist. Trotz dem, dass ich teilweise die Worte nicht verstanden habe, wurde mir der Inhalt sehr eindrücklich. Pastor Michael hat seine Gemeinde ermutigt, das Ziel des Glaubens zu erreichen und hat das am Schluss mit einer Videosequenz unterlegt, auf dem ein bekannter Sprinter auf der Bahn zusammengebrochen ist, sich aufgerappelt hat und ins Ziel gehinkt ist.

    Die Kinderstunde im Drop-in-Center

Ein weiteres Mal kamen wir, eher gerade zufällig, ins Center, als Pastor Michael ca. 15 Kinder, von ca. 4 bis 7 Jahren zu einer Kinderstunde versammelt hatte. Er hatte eine Gitarre umhängen und sang mit ihnen in Tagalog. Dann nahm er die Gitarre ab, stellte die Kinder in 2 Reihen auf und lies Michaelsie Bälle zwischen den Beinen durch geben und über den Kopf zurück. Und man sah den Kindern die Freude an. Ich habe festgestellt, dass Michael viele Spiele mit den Kindern spielt, die auch bei uns in Jungscharen und Kinderstunden gespielt werden. Aber mit einer ganz anderen Haltung als bei uns: Die Kinder, die oft sich selbst überlassen sind, strahlen eine große Freude und Dankbarkeit aus für alles, was man ihnen entgegen bringt.  Diese multioptionalen Voraussetzungen wie bei uns, gibt es in Manila nicht.

    Die Jahresberichte der SPECS- Arbeitsbereiche

An 2 Vormittagen präsentierten die Verantwortlichen die Entwicklung der Arbeitsbereiche mit Powerpointpräsentationen. Ich fand es sehr beeindruckend und ein großes Privileg, daran teilnehmen zu dürfen. Zu hören, was alles an den Schulpatenschaften dran hängt, das über 240 Kinder begleitet, die von Paten aus Deutschland unterstützt werden. Und dass es eben nicht nur die Kinder sind, sondern die ganzen Familien begleitet und in verschiedenen Bereichen geschult werden (z.B. Hygiene, Ernährung). Zu sehen, wie sich das „Home for Boys“ und das Kujaprojekt (ein Projekt für ältere Jungs im ehemaligen Home for Girls) weiterentwickelt hat. Zu hören, wie das PraesentationSchulsystem auf den Philippinen funktioniert und dass der Staat dort eben nicht alles zahlt, wie bei uns. Dass es da angebracht ist, in einem ALS (Alternative Learning System) Abschlüsse zu ermöglichen und alternatives Lernen anzubieten.
Die beiden Vorsitzenden von CPI, Imanuel Kögler und Micha Schaible sind tiefer in den Zusammenhängen der Arbeitsfelder und stellten weiterführende Fragen. Ich war fasziniert, mit welchem ehrenamtlichen Engagement unsere Vorsitzenden die Arbeit in Manila unterstützen, coachen und insgesamt SPECS nach vorne bringen. Auch wenn ich wusste, dass bei CPI „alles“ ehrenamtlich läuft, war es doch noch mal anders zu sehen, was es heißt, im Urlaub eine Woche lang auf den Philippinen das jährlich zu leisten. Danke Imanuel und Micha.
Mein Fazit aus den Berichten lautet: SPECS ist eine gut geführte diakonisch-missionarische Einrichtung mit ca. 20 Mitarbeitenden in verschiedenen Bereichen, die zum Großteil von CPI finanziert wird. Das Organigramm der verschiedenen Arbeitsfelder ist sehr komplex. Die Arbeit wird höchst professionell durchgeführt. Ich habe im Vorfeld immer gehört, dass Philippinos unstrukturiert und chaotisch seien. Diesen Eindruck hatte ich eigentlich selten. Alle Beteiligten waren zu den Vorträgen (fast immer) pünktlich.

    Hausbesuche in Paranaque

An einem Nachmittag gingen wir zu Fuß durch die Straßen und Gassen von Paranaque. Wir starteten am Drop In Center und besuchten Kinder, die eine Schulpatenschaft bekommen. Schon vor unserer Reise kamen Paten zu uns mit der Bitte, Ihrem Patenkind ein Geschenk mit auf die Philippinen zu nehmen. Während und zwischen den Hausbesuchen erfuhren wir, dass man mit etwas 30 Euro im Monat das Schulgeld und Materialien (wie z.B. die Schuluniform) nach der ParanaqueElementary school (die der Staat noch bezahlt) bezahlen kann. Von daher ist Bildung Einkommensabhängig. Ein einigermaßen guter Verdienst durch Arbeit ist nur durch Schulbildung  zu erreichen. Dazu brauchen sehr viele Menschen Unterstützung von außen.  Es ist schon sehr beeindruckend, wenn ein gesponsertes Mädchen vor Dir steht und Dir erklärt, dass sie hofft, durch ihre Bildung einen gescheiten Beruf lernen zu können, um danach ihre ganze Familie finanziell unterstützen zu können. Wir haben einige dieser 240 Kinder besucht.
Wir kamen in ein kleines Haus. Karolyne, die Sozialarbeiterin, klopfte an und trat in einen dunklen muffigen Raum. Wir sahen durch die Tür einen alten Mann auf einer Britsche im Dunkeln sitzen. Er war blind. Seine Enkelin sei nicht da. Wir ließen das Geschenk seiner Patin da und verabschiedeten uns. Wir besuchten mehrere Kinder. Auf dem Rückweg kam eine schmächtige kleine Frau mit ihrer Tochter auf uns zu.  Karolyne sagte, das sei das Kind aus dem ersten Haus, in dem nur der Opa da war. Wir machten einige der obligatorischen „Pictures“, die auf den Philippinen eben an jedem Hauseck mehrfach gemacht wurden. Die Frau und das Kind wichen uns nicht mehr von der Seite, bis zum Drop In Center. Da hatte die Frau auch ihre ganze Lebensgeschichte erzählt: Alleinerziehend – der Mann hat sie sitzen lassen mit ihren 3 Kindern und dem blinden Vater – ein geringes Einkommen, das sich nicht lohnt, aber besser als gar nichts. Wieder diese tiefe Dankbarkeit und Freundlichkeit.
Ein weiteres Gespräch hat mich beschämt: Eine Frau hat uns neben den Sozialarbeitern durch Paranaque begleitet. Auf ihrem T-Shirt stand „Area Koordinator“. Sie führte mit vielen Leuten ein Gespräch. Ich dachte, die kennt hier jeden. Als wir ein ziemlich langes Stück bis zum nächsten Haus zu gehen hatten, bedankte sie sich bei mir, dass wir Kinder bezuschussen. Das hat mich sehr beschämt, denn wir haben zwar ein Patenkind, aber das hat meine Frau betrieben und veranlasst. Ich habe ihr versucht zu erklären, dass sie sich ganz sicher nicht bei mir bedanken muss und ich hier „eigentlich nur mit durfte“ und noch nicht mal „zum Kern“ von CPI gehöre. Sie erklärte mir, dass ihre älteste Tochter eine der ersten war, die von CPI eine Patenschaft bekommen hatte und wie wichtig das für sie und ihre Familie war.
Ich habe den Eindruck, ich habe diesen Dank für Dich und für Sie entgegengenommen und ich hoffe, dass diesen Bericht jetzt viele Sponsoren der Schulpatenschaften lesen, die nie einen persönlichen Dank (okay die Briefe) bekommen können.

    Hausbesuche in den Hütten der Riverside

 Am Eindrücklichsten waren für mich aber die Besuche in Hütten über dem Fluss. Die sogenannten Riversidesiedlungen sind Hütten auf Balken, die in einen Fluss gerammt sind. Etwa 1 km vom „Home for Boys“ entfernt, liegt eine dieser Siedlungen. Vor einer Brücke geht auf der linken Seite hinter dicken Metallstangen, eine schmale Treppe hinunter. Dann geht im rechten Winkel ein dunkler enger Gang mit etwa 20 Metern hinein. Kein Licht. Absolute Dunkelheit. Und Riversidedie Gerüche, die herauskamen willst Du nicht riechen, geschweige denn hinein gehen. Da ich nicht der Oberangsthase sein wollte, habe ich mich dann doch überwunden. Die 20 Meter hinein, rechts ums Eck, links ums Eck. Etwas Licht. Rechts wieder ein Minikauflädle, wie es hier an jedem Eck zu finden ist und dann auf der rechten Seite „Hüttle an Hüttle“, links die Steine der Ufermauer. Hier war der Boden noch betoniert. Ein paar Meter weiter lief man auf schmalen Brettern auf einem Steg, „Hüttle“ links und rechts. Immer wieder Drähte der irgendwo illegal abgezapften Stromversorgung. Bei genauerer Betrachtung haben wir festgestellt, dass die Philippinos hier alles verbaut haben, was sie so gefunden haben und dass wir früher als Kinder professionellere Baumhäuser gebaut haben. Karolyne ging mit Ihrem leuchtenden SPECS-T-Shirt voran. Ohne die Leute von SPECS wären wir nie an einen solchen Ort, der für mich sehr unheimlich war, gekommen. Wir gingen weiter den schmalen Steg über der Kloake des Flusses, in dem vermutlich mehr Plastik, Gifte und Fäkalien als Wasser drin waren. Man erzählte mir, dass hier schon manches Kleinkind hinunter gefallen war und starb, ehe man es retten konnte. Wir gingen weiter und kamen an eine relativ dunkle Stelle. Rechts vor mir stand eine „Haustür“ offen und ein Junge mit vielleicht 10 Jahren stand da. Der Junge blickte mich mit großen, wachen  Augen an und sagte: „Attention Sir!“ Er Riverside3zeigte auf den Boden und ich sah, dass ein Stück des Stegs nicht besonders Vertrauen erweckend aussah. Er hielt mir hilfsbereit seine Hand hin. „Wie mutig und welche Selbstüberschätzung!“, dachte ich. „Junge, wenn ich hier „abgehe“, dann machen wir einen Zweierbob in die Kloake. Da gibt es kein Halten mehr.“ Ich wollte diese kleine Hand aber nicht abweisen, habe mir mit der linken Hand einen sicheren Griff gesucht und mit meiner rechten seine Hand genommen. Ich habe mich von ihm über die kritische Stelle führen lassen. Der Junge folgte mir und wir stellten uns auf einen kleinen hellen Platz neben dem Steg. Er strahlte mich an. Ich fuhr ihm mit der Hand über den Kopf und lächelte zurück. Er nahm meine Hand und drückte meinen Handrücken gegen seine Stirn. Dann neigte er seinen Kopf leicht nach vorne. Dann ließ er meine Hand wieder los und schaute mich wieder an. Fröhlich und dankbar. Ich glaube, das war für mich die bewegendste Begegnung auf dieser Reise. Wir gingen (gefühlte) 200 Meter durch den Steg zur letzten Hütte dieser Siedlung, machten in diesem Hüttle, in dem die 7 Riverside2Menschen einer Familie auf 8 Quadratmetern leben. Nach einem kurzen Gespräch, der Übergabe des Geschenks und den Pictures, machten wir uns auf den Rückweg und ich war froh, wieder ins Freie zu kommen und von der Brücke aus die ganze Siedlung von außen zu sehen. Ich habe abends gefragt, was das denn für eine Geste war, den Handrücken gegen die Stirn zu drücken. Imanuel sagte: „Das ist das Zeichen der Ehrerbietung, das Kinder hier Älteren gegenüber bezeugen. In diesem Fall ist es vielleicht sogar der Dank und die Freude darüber, dass Du ihn in seiner Wohnung besucht hast.“

Dieser Bericht sind nur ein paar Eindrücke der Erlebnisse und man muss selbst da gewesen sein, um es (zumindest ein Stück weit) begreifen und verstehen zu können, wie die Menschen dort leben. Ich habe schon manche Berichte aus der 3. Welt, aus Afrika, Südamerika und auch den Philippinen gehört und gesehen, aber dieses Erlebnis war einmalig.  Ich war gefühlt nicht nur 2 Wochen, sondern ein Vierteljahr auf den Philippinen. Ach ja, in der 2. Woche haben wir noch etwas Touristenprogramm gemacht, Weltkulturerbe Reisterassen um Banaue und Strandurlaub im Urlaubsparadies „Coco Beach Resort“. Diese Dinge waren „auch nett“ aber im Vergleich zu den Erfahrungen der ersten Woche verzichtbar. Ich habe noch unter Palmen auf dem Liegestuhl mit den Eindrücken der ersten Woche darüber nachgedacht, was eigentlich die elementaren Grundlagen des Lebens sind und was Gott mit dem Leben zu tun hat. Ich dachte an Deutschland und die vielen Dinge, nach denen wir jagen und die wir wichtig finden und die doch im Anbetracht der Erlebnisse der ersten Philippinenwoche wie Schall und Rauch sind.
Danke Imanuel und Micha, dass ihr uns mitgenommen habt.

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